Tag Archives: Prosa

Einsam

8 Aug

Sie ist weg. Hat ihn stehen und liegen lassen. Den Sex hat sie mitgenommen.
Nun hofft er – von Tag zu Tag mehr – mit etwas Glück wenigstens noch auf den Hund zu kommen.

Text: BennoP

Käse

23 Jun
Herr P. sagt zu Frau P.: „Dein Gedächtnis ist wie dieser Käse!”
Er tippt mit dem Zeigefinger auf eines der vielen Löcher.
„Ich weiß”, sagt sie.
„Woher weißt du?”, fragt er.
„Du hast es mir schon gestern gesagt.”
Herr P. runzelt die Stirn. „Gestern?”
„Und vorgestern.”
„Vorgestern auch schon?” Herr P. ist überrascht.
„Du sagst es mir jeden Tag.”
„Jeden Tag?”
„Immer wenn du diesen Käse isst.” Nun tippt Frau P. auf den Käse.
Herr P. kratzt sich am Kinn. „Esse ich diesen Käse denn jeden Tag?”
Sie nickt. „Jeden Tag.”
Herr P. schüttelt verwundert den Kopf. Dann fragt er: „Was denkst du, werde ich morgen zu dir sagen?”
„Dein Gedächtnis ist wie dieser Käse.” Frau P.s Antwort klingt sehr überzeugt, wenn auch gelangweilt. Sie räumt den Tisch ab.
Herr P. lächelt plötzlich. „Nun, dir muss man das eben öfter sagen.” Er tippt auf den Löcherkäse. „Denn dein Gedächtnis ist wie dieser Käse.”
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Text: BennoP

Partnerlook

28 Nov
Foto: ID1974

Foto: ID1974

Die sorgsam bereitgelegten Klamotten konnten mir meine Vorfreude nicht nehmen. Ich war ein leidenschaftlicher, wenn auch durchschnittlicher Bowler, und Ilses Tradition des Partnerlooks zum Neujahrsbowlen entlockte mir bestenfalls noch ein leichtes Zähneknirschen.

Frisch geduscht wie ich war, zog ich mir zuerst Unterwäsche an, die ich aus dem Schrank holte, da sie glücklicherweise nicht dem Beziehungsexhibitionismus meiner Frau unterlag. Gleiches galt für die Socken.

Dann wandte ich mich der Hose zu. Eines dieser Dinger für Sie und Ihn in schwarz. Sie, Ilse, legte sie jedes Jahr zurecht, damit ich gar nicht erst auf die Idee kommen könnte, eine andere anzuziehen. Danach wartete noch das weiße Shirt mit der Aufschrift „Das Herz-Team“ auf mich, wobei das Herz natürlich durch ein rotes Herz symbolisiert wurde.

Als ich die Hose über die Beine zerrte, bekam ich eine erste Ahnung, dass die Weihnachtszeit nicht spurlos an mir vorbeigegangen war. Wieso war das verflixte Teil auf einmal so eng? Aber es sollte noch schlimmer kommen. Der Knopf, endlich in eine Höhe über dem Boden gebracht, die ein Zuknöpfen rechtfertigte, befand sich so weit von dem entsprechenden Knopfloch entfernt, dass man vermuten konnte, er gehöre zu einer anderen Hose.

Ich kratzte mich am Kopf, denn jeder Versuch, die beiden, Knopf und Knopfloch, einander näher zu bringen, erschien mir in etwa so sinnvoll wie die Hoffnung, aus der Bundeskanzlerin ein internationales Topmodel zu machen. Allein die Enttäuschung, die jedes andere Beinkleid Ilse am heutigen Abend bereiten würde, trieb mich dazu, es dennoch zu wagen.

Ich atmete einmal tief ein, um dann alle Luft aus meinem Körper entweichen zu lassen. Vorrangig über die Atemwege. Dann krallte ich meine Finger in der Hose fest und begann zu ziehen. Schweißperlen traten mir auf die Stirn. Meine Finger färbten sich erst rot, dann weiß. Als wollte ich mich noch mehr kasteien, richtete sich mein Blick auf den Spiegel des Kleiderschranks. Ich erkannte mich kaum wieder, denn ich entdeckte pulsierende Adern am Hals und auf den Schläfen, die ich noch nie gesehen hatte. Leider musste ich auch erkennen, dass man in dem Abstand zwischen Knopf und Knopfloch noch immer eine vierspurige Autobahn hätte bauen können. Ich ließ mich schwer atmend aufs Bett fallen.

Konnte es tatsächlich sein, dass ich über die Feiertage derartig zugenommen hatte? So sehr ich sie hasste, nun musste die Waage Aufschluss bringen. Aber sie gab mir nur ein weiteres Rätsel auf. Sicher, ich hatte ein bisschen zugelegt, aber obwohl ich das letzte Mal nicht direkt vor dem Fest auf dieses Wahrsagergerät gestiegen war, dürften es jetzt höchstens zwei, drei Kilo mehr sein. Die konnten doch eigentlich keinen Hosenkampf verursachen, der selbst mit der Kraft eines Tyrannosaurus nicht zu gewinnen war.

Ich war geneigt, aufzugeben. Doch da drohte ja noch Ilse! Nie war ich so froh gewesen, dass die Gute sich vor dem Bowlen immer mit Angelika traf, um Partysalate vorzubereiten.

Einen Versuch musste ich noch wagen. Mit offener Hose schleppte ich mich in die Garage. Die Hoffnung, mich nicht der ganzen Welt zu öffnen, zerbarst, als ich den Gruß von Herrn Blick erwiderte, der mir über die Straße zuwinkte. Endlich angekommen stellte ich mich vor dem Schraubstock auf.

Mir war selbst nicht klar, wie ich es anstellen sollte, daher dachte ich auch nicht weiter darüber nach und fummelte so lange herum, bis die Hose auf der Knopflochseite fest im Schraubstock verklemmt war. Wieder zog ich den Bauch ein und zerrte und zerrte und zerrte.

Schließlich war es geschafft. Der Knopf steckte im Knopfloch – wenn auch nicht vorauszusehen war, wie lange dieses halten würde. Und ich steckte noch immer in der Hose, wobei ich das Gefühl hatte, ich sei ein zu eng gebundener Strauß Blumen. Vermutlich leuchtete ich inzwischen auch ähnlich bunt im Gesicht.

In diesem Zustand war an Bowling gar nicht zu denken. Aber das Denken hatte ich ohnehin aufgegeben. Lediglich die Freude, über die Hose gesiegt zu haben, ließ mich die Schmerzen ertragen, und so krampfte ich mich wieder ins Schlafzimmer, um mir das Partnerlookshirt überzustreifen.

Als ich es in den Händen hielt, kam es mir vor, als habe ich dieses Shirt das letzte Mal im Kindergarten getragen. Was, verdammt noch …

Das Telefon klingelte. Viel zu hastig drehte ich mich um. Der Hosenknopf schoss mit solcher Wucht von dannen, dass er im Spiegelglas eine gut sichtbare Schramme hinterließ. Mit offener Hose, die dennoch weiter vom Rutschen entfernt war als Spikes mit einer Schicht Industriekleber, stürzte ich zum Apparat.

„Ach, hallo Schatz. Wie weit seid ihr denn?“ Es gestaltete sich nicht leicht, gleichzeitig das Hecheln zu unterdrücken und möglichst unschuldig zu klingen.
„Wir sind gleich so weit. Sag mal, hast du die Sachen schon angezogen?“
„Aber natürlich“, antwortete ich beinahe wahrheitsgemäß. Doch was nun kam, hatte ich ganz und gar nicht erwartet. Ilse lachte! Sie lachte so laut, dass ich zügigst Abstand zwischen mein Ohr und den Hörer brachte und darüber nachdachte, das Fenster zu schließen, damit sich die Nachbarn nicht gestört fühlten.
Sie konnte sich gar nicht beruhigen, schnappte zwischendurch nach Luft und hustete eine Erklärung, die offenbar an Angelika gerichtet war: „Er sagt, er hat sie angezogen.“
„Könntest du mir mal verraten, was daran so lustig ist!“ Was der Knopf nicht geschafft hatte, schien Ilse gelingen zu wollen. Ich stand kurz vorm Platzen!
„Weißt du, Schatz, ich rufe eigentlich an, weil ich dir gestehen muss, dass mir da ein kleiner Fehler unterlaufen ist. Als ich mich eben umziehen wollte, habe ich festgestellt, dass ich statt meiner deine Sachen mitgenommen habe.“

Ich musste mich setzen. Mit einem kräftigen Knall riss die Hosennaht.

Text: Ben Philipp

Ein Traum von einem Mann

19 Mai

„Kann ich dir behilflich sein?“
„Nein, lass nur, Schatz. Ich habe dir versprochen, für dich zu kochen. Und die Zubereitung geht schnell.“ Vincent spürte Isabells Hand im Nacken. „Ich muss vorsichtig sein, Schatz. Schließlich hantiere ich hier mit einem ziemlich großen Messer.“ Er drehte den Kohlkopf zurecht und teilte ihn mit drei kräftigen Schnitten in Viertel.

„Ich kann es kaum noch abwarten“, flüsterte ihm Isabell ins Ohr.
„Hast du so großen Hunger?“
„Das auch.“
Vincent lachte. „Du hast dir Schmorkohl gewünscht, als ich dir erzählte, dass ich ihn immer für meine Mutter koche.“
Isabell strich ihm mit den Fingerspitzen durchs Haar und küsste ihn sanft auf den Hals. Dann schmiegte sie sich an ihn, während er den Strunkansatz aus den Kohlvierteln entfernte und diese dann in feine Streifen schnitt.

„Begleitest du mich zur Spüle, Bell?“
Er wusch die Streifen in einem Sieb unter fließendem Wasser. Dabei spürte er Isabells zarte Hände unter seinem Shirt. Sie streichelte ihm erst den Rücken, dann presste sie ihren schlanken Körper gegen den seinen und spielte mit seinen Brustwarzen.
Vincent genoss es, ihren festen Busen im Rücken zu spüren und spülte den Kohl etwas länger als gewöhnlich. Die Wärme ihrer Hüften übertrug sich auf ihn. Er musste sich zusammenreißen, sollte es heute noch etwas zu essen geben.
Ein Spritzer mit dem kalten Wasser genügte, um Bell von ihm zu trennen. Vincent drehte das Wasser ab und schlüpfte an ihr vorbei zum Herd.

Er heizte die Kochplatte auf starker Hitze an, stellte eine große Schmorpfanne darauf und goss Sonnenblumenöl hinein. „Das wird eine heiße Sache.“
„Du bist heiß“, hauchte Isabell und steckte ihre Hand unter seiner Mickey-Maus-Schürze in seine Hose.
Unter dem Spiel ihrer Finger reckte sich sein Glied in die Höhe. Die Hitze stieg ins Unerträgliche. Der Kohl musste in die Pfanne.

Während er kräftig rührte, erhitzte Vincent eine zweite Pfanne. Isabell schob ihn ein Stück vom Herd weg und kniete sich vor ihm hin.
„Vorsicht, Schatz, das könnte spritzen.“
„Soll es doch“, erwiderte sie, schob ihren Kopf unter die Schürze und zog an dem Reißverschluss.
Reis wäre auch eine Alternative gewesen, dachte Vincent und kippte das Gehackte in die zweite Pfanne.

Der kräftige Geruch des Fleisches mischte sich unter den deftigen Kohlgeruch. Außerdem duftete es nach Isabells Parfüm und seinem Schweiß. Hier vereinen sich meine beiden Leidenschaften, dachte er und gab das Fleisch zum Kohl.

Beim Würzen ging einiges daneben, denn Zunge und Zähne Isabells schmeckten sein Glied nach allen Regeln der Kunst ab. Vincent musste sich am Herd festhalten, was es ihm nicht leicht machte, die dritte Pfanne anzuheizen. Glücklicherweise hatte er die gekochten Kartoffeln bereits geschält und in Scheiben geschnitten bereit stehen.

Vincent betrachtete Isabell von oben. Ihr Rücken bog sich in einer perfekten Rundung zu dem traumhaften Ansatz ihres süßen Hinterns, der aus ihrer Jeans hervorlugte. Der Anblick des auf der Schulter liegenden kastanienbraunen Haars entführte seine Hand vom Regler am Herd. Wie in die Wogen des Meeres tauchten seine Finger in die Wellen ihres Schopfes. Isabell tauchte auf, riss ihm das Shirt mitsamt der Schürze vom Leib und kostete die Knospen seiner Brust. Vincent hantierte an ihrer schmalen Taille vorbei mit den Pfannen.

Isabell erschrak, als er den Schmorkohl mit Brühe aufgoss. Ein kurzes Zucken nur, ein Augenblick des Erschauerns, dann berührten sich ihre Lippen. Der süße Geschmack verlieh den Düften, die vom Herd aufstiegen, eine eigenartige Note.

Vincent hatte jetzt die Hände frei. Er drängte Isabell zu der kleinen Eckbank. Sie ließen sich fallen.
„Du bist der Größte, Vincent. Ein wahrer Traum von einem Mann.“

Es klingelte. Vincent sprang auf, Isabell verschwand aus der Küche.
„Nicht jetzt“, stöhnte Vincent. Er zog sich das Shirt wieder an, zog den Reißverschluss der Hose zu, warf einen prüfenden Blick in die Pfannen und ging zur Wohnungstür.

„Hallo, Vincent.“
„Hallo, Mutter. Du bist zu früh.“
„Ist das Essen noch nicht fertig? Oder hast du etwa Besuch?“ Frau Lone schaute ihn prüfend und zugleich hoffnungsvoll an.
„Ja … ich meine, nein. Ich meine: Ja, das Essen ist gleich fertig, nein, ich habe keinen Besuch.“
Frau Lone seufzte. „Du hast wohl wieder geträumt, was?“

 
 
Text: Philipp Bobrowski
Coverillustration: Lukyanov Mikhail

Es schimmelt

5 Mai

Es schimmeltIch nehme einen tiefen Zug vom Joint und reiche ihn an Tonne weiter. Der Sommer ist bunt wie der Herbst. Noch Stunden schaue ich dem qualmenden Faden hinterher, der beim Ausatmen meinen Mund verlässt. Ich schwebe ihm hinterher.

AC/DC wird zunehmend melodischer. Glocke singt „Alle meine Entchen“ dazu. Ich schaue auf ihn herab. Er sieht lächerlich aus. Lächeln. Immer lächeln. So wie Lissy. Die zieht gerade am Joint. Noch eine halbe Runde, dann ist er wieder bei mir.

Ein Schimmel läuft quer durch den Stadtpark. Ich reibe mir die Augen, kann ihm kaum folgen. Ich beobachte die anderen. Wie Sherlock. Keiner sagt was. Glocke singt „Da steht ein Pferd auf dem Flur“.
Muss ich jetzt aufpassen, dass ich nicht in Pferdeäpfel trete? Die Tüte ist zurück. Ich ziehe einmal, zweimal, …
„Hey, wir wollen auch noch was!“
Ich brumme. Ein Bär. Ein großer, brauner Brummbär. Ich halte es nicht mehr aus. Schweben reicht nicht. „Habt ihr zufällig eben auch einen Gaul gesehen?“
Ein kurzer Moment der Stille dehnt sich wie die rauchende Atemluft. Dann ein kollektiver Wind der Erleichterung: „Jaaaaaaaa!“

Text: Ben Philipp
Foto: Craigb

Der Anschlag

16 Dez

Cover: Der Anschlag

Heute wird es mit Glucken-Gudrun zu Ende gehen. Und ich, Curry-Curd, werde der lachende Sieger sein.

Das wurde aber auch Zeit. Noch ein paar Tage und ich bin pleite. Letzte Woche habe ich nur fünfzehn Würste verkauft. Fünfzehn! Alles Gudruns Schuld. Für zwei Imbissbuden ist der Parkplatz einfach zu klein.

Am liebsten wäre ich heute früher zur Arbeit gefahren. Aber keine Leichtsinnsfehler. Bloß nicht auffallen.
Dabei hatte ich es anfangs auf die friedliche Tour versucht. Wenn die Kunden Hähnchen wollen, sollen sie die nicht nur bei dem Hühnchen bekommen, hatte ich gedacht. Hab mir extra so ein Grillteil gekauft. Fehlanzeige. Die Leute liefen weiter zu Glucken-Gudrun.
„Weil du immer so mürrisch bist“, hat meine Erna gesagt. „Nicht so freundlich wie die Gudrun.“
Hat sie ja vielleicht recht. Die ist wirklich so. Sogar zu mir.
Neulich hat sie mir ein Hähnchen geschenkt. Als ob ich das wollte. Oder die Kiste Ketchup, die mit lieben Grüßen vor meiner Imbissbude stand. Ich will ihre Almosen nicht. Und ihre mitleidigen Blicke kann ich auch nicht mehr ab. Wenn sie denn mal die Zeit hat, sie mir zuzuwerfen.

Aber heute fliegt ihr der Ketchup um die Ohren. Habe den Zeitzünder auf Punkt neun gestellt. Gerade, wenn ich wie jeden Morgen meine Bude aufschließe. Das Schauspiel will ich mir doch nicht entgehen lassen.
War nicht leicht den ganzen Kram zu besorgen. Da soll noch mal einer sagen, dass ich nichts auf die Reihe kriege. Und dann ist es aus mit Gudruns Glück. Die hat sowieso viel zu viel Schwein gehabt.
Wenn ich nur an die Kakerlaken denke. Ich schleich mich nachts an die Gluckenbude ran und krieg erst am nächsten Morgen mit, dass die Alte alles ausgeräumt hat und ne Woche Urlaub macht. Die Viecher haben überhaupt nichts zu fressen gefunden. Klar, wo die weitergesucht haben.
Oder als ich ihr die Kühltruhe ausgeräumt habe. Kommt doch am nächsten Tag die Hygiene und stellt Salmonellenbefall an Gudruns Hähnchen fest. Nur dass die jetzt in meiner Truhe waren. Da konnt ich erst mal zumachen.
Aber damit ist jetzt Schluss. Hab ihr die Bombe in einer Ketchupkiste in den Wagen geschmuggelt. Wenn sie diesmal wieder Glück hat, geht sie nicht dabei drauf.

Zwei vor neun. Ich bin pünktlich wie die Feuerwehr. Aber die wird heute zu spät kommen. Noch steht die Gluckenbude. Gudrun winkt mir zu. Ich winke zurück. Vor meiner Bude steht eine Kiste Ketchup.
Ein Zettel: „Ich hab eine zuviel. Vielleicht kannst du sie brauchen. Liebe Grüße, Gudrun.“

Coverfoto: Paul-Georg Meister / Pixelio (www.pixelio.de)