Everybody’s Music

16 Mai

Ein Samstagabend im Studentenkeller. Motto des Abends: „Everybody’s Music“.

Ich stehe am DJ-Pult, die Tanzfläche ist gut gefüllt. Neben dem Pult steht ein Mann und schreibt Wunschzettel. Der Langhaarige ist dabei äußerst konzentriert. Er ruft sich mit ernsthaftester Miene offenbar seine gesamte heimische Phonothek ins Gedächtnis.

Auf jeden Wunschzettel schreibt er genau einen Wunschtitel. Von diesen gehören Motörhead noch zu den zahmeren Vertretern.

Nach etwa einer halben Stunde, in der sich seine Wunschzettel am DJ-Pult stapeln und ich fürchten muss, dass die Zettelblöcke ausgehen, spreche ich ihn an: „Hast du einen Vertrag mit der Holzindustrie oder hast du ganz allgemein etwas gegen Bäume?“
Er versteht nicht.
„Ich meine, warum schreibst du denn auf jeden Zettel nur einen Titel? Das ist doch Verschwendung.“
Er grummelt etwas Unverständliches und fragt dann: „Spielst du die Sachen denn auch?“
„Natürlich nicht, das kannst du dir doch denken. Das ist eine Disko und die Leute wollen tanzen. Zu der Musik würde aber niemand hier tanzen.“

Der Wünscher ist augenscheinlich sehr erbost. Ich hätte ihm gern noch gesagt, dass ich einiges von seinen Wünschen durchaus gern höre, mir aber nie auf einer ganz offensichtlich auf Mainstream ausgerichteten Veranstaltung wünschen würde. Aber er dreht sich einfach um und verschwindet.

Doch er kehrt zurück. Wieder schnappt er sich den Zettelblock. Von nun an schreibt er wieder etliche Zettel voll, die in etwa alle diese Aussage enthalten: „Aber es ist doch Everybody’s Music!!!“

Und langsam beginne ich zu verstehen: Wenn sich das nächste Mal jemand bei „Everybody’s Music“ Death Metal, ein Volkslied oder die Brandenburgischen Konzerte von Bach wünscht, sollte ich es tunlichst spielen. Schließlich ist aus dem Titel der Veranstaltung nicht zu entnehmen, dass die Musik halbwegs tanzbar und diskotauglich sein sollte. Und wen interessiert schon eine volle Tanzfläche in einer Disko?

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